April 2026

Mexikos zentrales Hochland

Frankfurt -
Houston -
Guanajuato

México otra vez. Nachdem ich vor 12 Jahren den Süden bereiste, lasse ich mich dieses mal im Zentrum nieder, genauer gesagt im nördlichen, zentralen Hochland.

Der wie immer international besetzte Flixbus bringt mich pünktlich zum Frankfurter Flughafen. Im Abflugbereich begegnen mir bereits die ersten Kakteen. Der Slang der Burschen schräg hinter mir macht mir unmissverständlich klar, dass ich über Houston in Texas fliege. Ihr Kauderwelsch erinnert mich an die Eröffnungsszene mit dem texanischen Cop in 'From dusk till dawn'. Heute will ich jedoch nicht nach El Rey, sondern weiter nach Guanajuato.

Die Lufthoheit über dem Atlantik gehört unzweifelhaft AB InBev, brewed and canned in Bremen. Das Yoga on the flight wird für mich zu einer echten Herausforderung. Ich bin zu unbeweglich oder meine Haxen sind zu lang oder beides. Immerhin treibt es das AB InBev Gebräu weiter durch meinen Körper und zurück in den Atlantik.
Legosukkulent outlook Legosukkulent



Guanajuato

In Guanajuato bin ich bei Martha zu Gast. Sie ist Mutter von 3 erwachsenen Töchtern und lebt seit über 30 Jahren in Guanajuato. In ihrem grossen Haus beherbergt sie seit 20 Jahren bereits Sprachschüler. Sie versorgt mich mit tollem Frühstück, frische Mangos, Tortillas, Spiegelei, Avocado, Papapasaft, und mit tollem Abendessen, Hühnersuppe, Nudeln, Quesadillas, Reis, Gemüse, Hühnchen. Ihrem Angebot, mir auch die Haare zu schneiden, kann ich nicht widerstehen. Ich wollte ohnehin zum Friseur. Marthas Haus liegt oberhalb des historischen Zentrums Guanajuatos. Guanajuato liegt auf über 2000 m Höhe. Die Stadt ist kunterbunt und zieht sich an den steilen Flanken eines engen Tals hoch. Alles ist verwinkelt und voller Treppenstufen - die Stadt mit Ihren vielen schmalen Gässchen, Marthas Haus und auch das Haus der Sprachschule.
outlook gto stairs callejon de beso Mural Gto
Schild Gto maricones stairs
casas coloradas noche Maricon

Zur Sprachschule geht es 90 Höhenmeter über Treppen und schmale, steile Gassen ins historische Zentrum. Mein Stundenplan ist knackig, 6x50 min mit je 10 min Pause, Grammatik, Konversation, praktisches Spanisch, keine Mittagspause. Die Lehrerinnen sind fit und gehen gut auf Ihre Schüler ein. Nach dem Unterricht bleibe ich meist im Zentrum und spare mit das Höhentraining zurück zu Martha für den Abend auf. Da ich noch nicht an die Höhe gewöhnt bin, schnaufe ich auf dem Heimweg wie eine Dampflokomotive.

Die Stadt Guanajuato hat Ihre Wurzeln im Silberbergbau. Hoch oben über der Stadt streckt Pílpila eine Fackel in die Höhe. Pílpila war ein Minenarbeiter, der im Kampf für die Unabhängigkeit Mexikos den Sturm auf den riesigen Kornspeicher (Alhondiga de Granaditas) in der Stadt entscheidend eröffnete. Zum Schutz gegen Gewehrkugeln band er sich eine Steinplatte auf den Rücken, rückte zum hölzernen Tor des Kornspeichers vor und setzte es in Brand. So konnten die Rebellen unter Miguel Hidalgo den Kornspeicher stürmen. Lange dauerte die Besetzung jedoch nicht. Beim Gegenangriff wurden die Anführer der Rebellen gefangen genommen und hingerichtet. Ihre Köpfe wurden anschliessend and den 4 Ecken des Gebäudes an Haken gehängt.
mural_plata Pilpila von unten burn 'em down
encendedor alhondiga hooker

Guanajuato zieht viele Touristen an, viele Silberfüchse aus dem nördlichen Nachbarland. Die grosse Mehrheit der Sprachschüler gehört derselben Spezies an. Auch bei mir im Kurs sind 2 davon. Beide haben bereits eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Mexiko. Vor allem die gesellschaftlichen und politischen Zustände in Ihrem Heimatland treiben sie über die Grenze nach Mexiko.
mercado souveniri commies
Tunnel Diego Ribero Kacktus

Beim Streunen durch die Straßen komme ich an vielen Restaurants, Märkten und Strassenständen vorbei, mal hol ich mir einen Flan (Vanillepudding) auf die Hand, gönne mir auf dem Markt eine Enchilada Minero (für Bergmänner) oder ziehe mir an einem der vielen Strassenstände gefüllte Chilischoten mit Reis, Kaktusgemüse und der braunen Molesosse. Frühstück und Abendessen bekomme ich bei Martha. Häufig gibt es zum Hauptgericht leckere Avocado und auch frische Früchte, Mango, Ananas, Mamey (Panzerbeere). Witzig sind die Strassenstände, die Chipstueten aufschneiden, Mais und Mayo auf die Chips hauen und Käse drueber streusseln. Soll gut schmecken, habe ich mir sagen lassen. Ich ziehe dann doch lieber den zartbitter schmeckenden Kakao (aus dem Bundesstaat Tabasco) und ein Stueck Käsekuchen mit Kokos vor.
Flan enchilada minero souveniri
Mamey Chips para levar Cacao

Nach einer Woche Sprachschule habe ich endlich Wochenende und gönne mir das erste Victoria (gebraut von Modelo, ebenfalls AB InBev). Die nette Bar namens Clave Azul ist verwinkelt bis hintengegen und vollgestellt mit allerlei Kruschdkrams. Auf den Tischen sind Fotos von Musikern aus den 60ern und 70ern, Jimmy Hendrix, Bob Dylan, Eric Clapton,...
Prost AB InBev Kruschdelladen Jovenes

Für die nächste Woche steht der Plan fest: 8 Uhr frühstücken (2 Eier+Tortillas+Früchte+X), 9-15 Uhr Sprachschule, anschliessend zum Obst-/Gemüsebroker (Bananen, Möhren, Tomaten, Avocados), Di und Do um 19 Uhr zur Tanzschule (Bachata - spassig), alle paar Tage ins Ciber ( I-Net Cafe ohne Cafe) Homepage aktualisieren, ansonsten Stadtbummel und weitere Reiseplanung.
horario Tanzschule

Von der neuesten Ausgabe der Traveller Bibel Lonely Planet bin ich enttäuscht. Außer den typischen Tourizielen sind kaum noch kleine Orte beschrieben. Anstatt Hardcore-Info (z.B. Getting There and Away) gibt es nur noch Ideen und "Hubs". Webadressen? - Fehlanzeige. Die Karten sind für mich kaum noch brauchbar. Die alternative Recherche im Netz gestaltet sich mühsam. Beim Aufruf Mexikanischer Seiten muss ich durch Stromschnellen voller Werbeanzeigen scrollen.

An der samstäglichen Mountainbikeausfahrt des Alpenvereins in Heidelberg kann ich heute leider nicht teilnehmen. Um trotzdem in den Sattel zu kommen, engagiere ich Armando für eine Mountainbiketour in die Berge. Armando fährt seit den 90ern MTB und erzählt mir von 26 Zoll MTBs mit Cantileverbremsen. Sein Vater war stolzer Bergmann und hat an der bekannten Hochschule für Bergbau in Guanajuato studiert. Auf Armandos Pickup sind 2 MTBs, ein S-Works E-Fully mit Bosch-Motor und ein Marino Hardtale mit handgeschweisstem Strahlrahmen. Marino ist eine peruanische Rahmenschmiede. Immerhin hat das Peruanische Lama Carbonfelgen und eine 36er Fox Kashima Federgabel. Während Armando auf dem S-Works E-MTB Platz nimmt, darf ich das Lama ausführen. Wie ich in Peru gelernt habe, sind Lamas gute Tragetiere - allerdings nur bis 40 kg Last. Bei mehr Last bleiben sie stehen. Da ich mehr als das Doppelte an den Haken bringe, muss ich also selbst für den Vortrieb sorgen.

Auf dem Weg in die Berge kreuzen wir die Strecke des Red Bull Cerro Abajo, eines jährlich stattfindenden, spektakulären Urban Downhill Rennens. Dabei rasen die MTB Piloten von einem der Bergrücken über unzählige Treppen durch die schmalen, verwinkelten Gassen hinunter bis auf den Platz vor dem riesigen Kornspeicher (Alhondiga de Granaditas). Damit in der Unfallchirurgie keine Langeweile aufkommt, ist die Strecke zusätzlich mit steilen Drops und Wallrides versüsst. Armando hat die letzten Jahre für das Rennen den Shuttledienst organisiert. An einem kunterbunten Haus halten wir an. Armando erklärt mir, dass die Strecke vor wenigen Jahren durch das Haus führte. Für den steilen Drop vom Balkon wurde das Balkongelände demontiert. Später treffen wir den Jungen, der mit seiner Mutter in diesem Haus wohnt. Er ist gerade mit 2 Freunden auf einem seiner 3 Bikes unterwegs (Comenza Enduro mit Öhlins Dämpfer und 38er Fox Gabel). Sein Traum ist einmal am Cerro Abajo teilzunehmen.

Click 4 U-Tube Video: "So fährt man den Cerro Abajo - Juanfer Velez (Col)"

Click 4 U-Tube Video: "Looking down - Juanfer Velez (Col)"

Armando und ich strampeln weiter bergauf. Außerhalb der Stadt geht es über Pisten und ausgewaschene Felsrinnen. Während mir Armando viel über die Silberminen erzählt, aus den vor über 100 Jahren 2/3 des weltweiten Silbers gefördert wurde, fällt es mir schwer aktiv an dem Dialog teilzunehmen. Mein Spanisch leidet unter meiner pneumologischen Beschränktheit und dem fehlende Bosch-Motor an meinem Lama.

Auf 2300 m Höhe kredenzt Armando feierlich den Gipfel-Mescal. Anschliessend geht es über nette, kleine Trails wieder hinunter in die Stadt. Dort warten schmale Gässchen mit vielen Treppenstufen auf uns. So ganz mag das Cerro Abajo Feeling bei mir nicht aufkommen. Während Armando mit Klickpedalen voranprescht, rutschen meine Laufschuhe bei dem Gerumpel über die Treppen von den Pedalen. Vielleicht sollte ich für den nächsten Cerro Abajo die Citybike Pedalen an meinem Lama gegen Flatpedals mit Pins austauschen....
S-Works Marino Prost Agave
Tom Trail Cerro Abajo para viejitos La vida no vale nada

Nach der MTB Tour gestern mache ich heute eine Sonntags-Touritour "Ruta de Independencia" (auf den Spuren der Unabhängigkeit). Zusammen mit 8 mexikanischen Touristen zwänge ich mich mit meinen langen Haxen in den Toyota Hiace - bequem ist anders. Es geht durch trockene Berglandschaft, vorbei an unzählingen Opuntien. Der Guide gibt uns unterwegs einen guten Einblick in die Geschichte Mexikos und die Unabhängigkeitsbewegung.

Dolores Hidalgo ist die erste Station. Hier rief 1810 der Priester Miguel Hidalgo zum Marsch auf Guanajuato auf. Auch wenn sein Kopf wenig später an einem der Haken am grossen Kornspeicher (Alhondiga de Granaditas) in Guanajuato baumelte, so markierte sein Aufruf einen wichtigen Startpunkt für den Unabhängigkeitskampf.
Touritour Priest of Rebels Tempel

Dolores Hidalgo war auch Heimat des mexikanischen Komponisten und Sängers José Alberto Jiménez. Aus einfachen Verhältnissen stammend stieg er in den 50ern zu nationaler Bekanntheit auf. Sein Auftreten im Mariachi Anzug mit Sombrero und Pistolengurt und seine Lieder verherrlichten stark das Bild des stereotypen Mexikaners inklusive des Machismo. Neben der Musik widmete er sich etwas zu sehr dem Agavendestillat, so dass für ihn mit Ende 40 bereits der Vorhang fiel.
Barde Noten El Rey
Pistolero Notenständer Eishockey

Schleck Bekannt ist Dolores Hidalgo auch für sein handgemachtes Eis (Nieves). Die Eisbuden rund um den zentralen Park sind dicht belagert. Die Geschmacksrichtungen sind für mich manchmal etwas zu kreativ - Camarones (Shrimps) oder Chicharron con Mole (frittierte Schweineschwarte mit Kakao-Chilisosse). Da bleibe ich lieber bei Garambullo, einer Kaktusfrucht, die mir Armando tags zuvor auf der MTB Tour zeigte. Schmeckt irgendwo zwischen Blau- und Brombeere. Ganz günstig ist die Leckerei nicht. Rund 4 EUR berappe ich für ein kleines Eis.

Während ich das Wechselgeld verstaue, beobachte ich, wie sich zwei riesige Pickups in den Autocorso um dem Park einreihen, ein olivfarbener Militärpickup und ein weisser der Nationalgarde. Auf jedem der Pickups steht hinten am MG ein Soldat in vollem Kampfornat. Den Patronengurt vom MG hat er über die Schulter geworfen. Weitere Soldaten mit Sturmgewehren ebenfalls in voller Tracht sitzen auf der Ladefläche. Als ich etwas verwirrt herüberschaue, grüssen sie mich freundlich mit Kopfnicken. Ich verzichte freiwillig darauf, mit meiner Kamera die Schiesserei zu eröffnen.

Der nächste Touri-Hotspot, den wir ansteuern, ist San Miguel de Allende. Der schmucke Ort besticht durch die riesige Kirche und die vielen historischen Häuser einschliesslich des Buckelsteinpflasters. Viele Häuser sind braunrot oder ocker bemalt und geben dem Ort eine warme Atmosphäre. Von den Flachdächern stehen Rinnen über, so dass das Regenwasser (wenn es denn mal regnet) bis auf die Strassenmitte pullert. Es ist Sonntag und der zentrale Platz quillt über vor Menschen, Fressbuden und ambulanten Händlern. Viele Gringo-Rentner aus dem nördlichen Nachbarland suchen in San Miguel de Allende ihre vorletzte Ruhestätte und treiben dabei die Grundstückspreise in die Höhe.
SMA Outlook Tempel Balonverkäufer
SMA Centro Sombreros Plörre
Ami Grey immigrants casita

Nach dem Unterricht hole ich mir ab und zu einen Kakao und ein Stück Kuchen und lasse mich auf einer kleinen Plazuleta nieder, um Pause zu machen. Von einem der ambulanten Händlern hole ich mir auch schon mal eine leckere Cocada, so eine Art gebackenes Bounty auf Oblaten ohne Schokolade. Aus der Bar an der Plazuleta schallt entspannter Blues herüber.
choco combi plazuleta cocada

Zum praktischen Spanisch gehören natürlich auch Groserías (wörtlich Unhöflichkeiten, besser Kraftausdrücke). Angeblich hat Mexiko unter den Lateinamerikanischen Ländern die "sanftesten" Kraftausdrücke. Wer nervt, ist z.B. ein Chingaquedito. Wenn ich dann wütend werde, bin ich encabronado. Und wenn ich emputado bin, bin ich stinkesauer. Wenn man mit den Wortbestandteilen noch etwas jongliert, könnte man sich einen Chingadazo einfangen.

Im Unterricht diskutieren wir auch über Gesundheitssysteme verschiedener Länder. So lerne ich, dass in Mexiko neben staatlichen und privaten Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten Apotheken mit integriertem Arzt weit verbreitet sind. Die Preise für die Arztleistungen sind moderat und auf einer Liste einsehbar. An Feiertagen gibt es einen kleinen Zuschlag. Der One-Stop-Shop hat 24 h geöffnet, so dass man sich auch nachts z.B. den Katheder zielen lassen kann.

Langsam geht die zweite Woche in der Sprachschule zu Ende und ich versuche vom Schüler-Modus in den Traveler-Modus umzuschalten. Den komfortablen Alltag, in dem ich mit Frühstück und leckerem Abendessen versorgt werde, muss ich hinter mir lassen. Ab Samstag darf ich mich wieder selbst um Unterkunft, Essen, Transport und Tagesablauf kümmern.

An meinem letzten Schultag bekomme ich noch ein Zertifikat verliehen. Ich verabschiede mich von den tollen Lehrerinnen und Lehrern und bedanke mich für den spannenden Unterricht. Abends werde ich noch einmal von Martha bekocht, diesmal mit Mole con Pollo (Huhn mit dicker brauner Kakao-Chili-Sosse). Dazu soll am besten ein Bier passen, meint Martha und lässt sich nicht lumpen mir eines zu kredenzen. Am nächsten Tagen verabschiede ich mich von Martha und ihrem Ziehsohn Carlos. Mit dem Taxi geht es durch die vielen Tunnel Guanajuatos zum südlich gelegenen Busterminal. Für rund 25 EUR darf ich auf einem der fetten Liegesitze im Luxusbus nach Querétaro platznehmen. Die Strasse nach Querétaro ist voll mit Autos und gesäumt von vielen Industriegebieten. Ich sehe Werke von Nestlé und von Visteon.
Maestras Martha



Querétaro

Querétaro ist riesig und angeblich die teuerste Stadt Mexikos. Zum ersten Mal probiere ich Uber aus. Mein altes S5 Händi ist etwas wählerisch und braucht eine gut abgehangene App. Der Playstore hat nur frische Ware. Im Netz finde ich aber noch eine 3 Jahre gereifte Uber Lite .apk. Die funktioniert und ich bin begeistert. Für 3,50 EUR bringt mich der nette Fahrer vom Busterminal ins Zentrum zu meinem Hotel.

Das historische Zentrum der Stadt mit den Kopfsteinpflasterstrassen und den Kolonialgebäuden ist gut erhalten und sehenswert. Als Erstes suche ich die Post, da ich Postkarten zu versenden habe. Ich laufe die Strasse rauf und runter, finde aber kein Gebäude, das wie eine Post aussieht oder an dem Correos (Post) steht. Verzweifelt frage ich einen Mann, der gerade ein Tor abschliesst. "Hier ist die Post", antwortet er mir. "Wir schliessen gerade." Es ist 10 vor 1! Nach dem ich beginne mit ihm zu diskutieren und er mir nicht sagen kann, wo ich in der riesigen Stadt ansonsten noch Briefmarken kaufen könnte, lässt er mich schliesslich doch noch rein.

Tagsüber brennt die Sonne kräftig. Ausländer erkennt man daran, dass sie in der Sonne gehen, während alle einheimischen auf der Schattenseite der Strasse laufen. Mit meiner blassen Haut falle ich allerdings auch im Schatten auf. "Güero" werde ich häufig auf den Märkten angesprochen. Das heisst einfach nur soviel wie Weisser oder Blonder (was bei mir nicht mehr zutrifft) und ist nicht böse gemeint. "Joven" (Junge) finde ich jedoch liebevoller. Für rund 3,80 EUR gönne ich mir in einem kleinen Restaurant eine Torta Michoacana. Unter Deck birgt der Flugzeugträger gewürztes Schweinegeschnetzeltes, Tomate, Zwiebel, Salat, Ananas und irgenwie auch Chilischoten.
Tortillero Kapelle Flugzeugtraeger

Samstagabend verwandelt sich das Zentrum in einen riesigen Strassenmarkt. Schmuck, die typischen, bunten Puppen, Alebrijes (bunte Phantasietiere aus Holz), Flechtwaren, Taschen, Shirts, Hüte, usw. werden angeboten. Natürlich gibt es auch Fressstände. Diesmal hole ich mir einen Guajolote (Truthahn) und anschliessend noch einen Tamal und einen Champurrado. Der Truthahn ist ein in rote Chilisosse getauchtes, anfrittiertes Brötchen gefüllt mit Schweinefleisch, Salat und Sahnedressing. Tamal ist die Maismasse meist mit Huhn vermischt, in ein Maisblatt eingewickelt und gedämpft. Champurrado ist ein warmes Getränk aus Mais und Kakao, sehr nahrhaft, ein echter Ferkelstarter.
Strassenmarkt Puppen Catrina Puppe
Maestra de Guajolotes Guajolote Tamal

Querétaro ist ein geschichtsträchtiger Ort. U.a. wurde hier vor fast 160 Jahren der von Napoleon III. eingesetzte Kaiser Maximilian zusammen mit zwei seiner Generäle standrechtlich erschossen. Der französische Impressionist Manet hielt die Szene in einem seiner Gemälde fest. Eine Version davon hängt in der Mannheimer Kunsthalle. Ich besuche den Park Cerro de las Campanas, wo die Erschiessung stattfand. Der Name kommt von dem eisenhaltigen Gestein, welches sich beim Daraufklopfen wie eine Glocke anhört.

cut my life into pieces Click 4 Minivideo: "Klingeling"
An dem Ort der Erschiessung ist eine kleine Kapelle. Oberhalb thront Maximilians Widersacher, Benito Juárez in Form einer riesigen Statue.
Kapellsche Zaungast Benito

Sehenswert ist das Kalendermuseum MUCAL. In verschiedenen Sälen des historischen Gebäudes mit tollen Innenhöfen wird die Geschichte des Kalenders dokumentiert. Der Maya Kalender darf natürlich nicht fehlen. Auch die Druckverfahren vom Lithodruck bis zum Offsetdruck werden beschrieben. Zu meiner Freude sehe ich auch Maschinenmodelle meines Ex-Brötchengeber Heidelberger Druckmaschinen. Besonders spannend ist die Ausstellung mexikanischer Kalender aus dem letzten Jahrhundert. Die Kombinationen von Bild und Werbung sowie die gezeigten Rollendarstellungen sind heutzutage nicht nur "outdated" sondern eher schon skandalös.
MUCAL Mayakalender Lithosteine
coke Pepsi Rollen Kids Macho

Das Museo de Arte (Kunstmuseum) ist nicht nur wegen des freien Eintritts einen Besuch wert. Das Museum ist in einem alten Convent untergebracht mit zweistöckigem Kreuzgang und tollem Innenhof. Ein mexikanischer Künstler arbeitet viel mit Mustern und hat vielen Tierfiguren ein Musterkleid übergezogen. So gibt es auch einen Riesenbiber zu sehen.
Kunstmuseum Kunstmuseum erster Stock Riesenbiber



Jalpan de Serra

Von der Stadt Querétaro schraubt sich der Bus durch unzählige Kurven ins Bergland der Sierra Gorda. Die Strecke ist spektakulär und bietet tolles Bergpanorama. Während ich aus dem Fenster etwas beunruhigt den steilen Abhang hinuntersehe, trieft Schmalzmusik aus dem Lautsprecher auf die unschuldigen Passagiere. Nur wenig vom Panorama ablenken kann mich der obligatorische Wanderprediger. Im schicken Hemd mit passender Krawatte steht er während der Fahrt auf, dreht sich herum zu den Fahrgästen und holt mit einem pseudowissenschaftlichen aber durchaus überzeugenden Exkurs weit aus. Diesmal wird ein Balsam angepriesen - für und gegen alles, besser als Diclofenac, Peyote und Marihuana zusammen.
MG Mapviewer Sierra Gorda Jalpan

Jalpa liegt in der Sierra Gorda, einem bewaldeten Bergmassiv mit Gipfeln über 3000 m. Leider ist fussläufig um den Ort kein Wald mehr, so dass ich eine Tour buche, um tiefer in die Sierra Gorda einzudringen. Für nicht günstige knapp 100 Tacken engagiere ich Dario, der seit 35 Jahren als Guide in der Sierra Gorda arbeitet. Die Pandemie hat auch sein Gewerbe hart getroffen, so dass er nur noch allein das Ausflugsbüro führt. Er spricht sehr schnell und abgehackt, so dass ich häufig nur wenige Teile des genuschelten Wortpuzzles zusammensetzen kann. Meine Bitte, langsamer zu sprechen, ignoriert er.

Um den Sonnenaufgang am Mirador (Aussichtspunkt) Quatro Palos zu erleben, geht es um 4 (!) Uhr morgens los. Bereits um 3 Uhr in tiefster Nacht reisst mich mit infernalischem Krähen der übereifrige Hahn direkt neben meinem Zimmerfenster aus den Träumen. "Morgen esse ich wieder Hühnersuppe", schwöre ich mir.

Auf der anderthalbstündigen Fahrt erzählt mir Dario von der Mission in Jalpan. Insgesamt gibt es 4 Franziskanermissionen in der Sierra Gorda. Die aufwendigen Verzierungen an der Front sind anstatt aus Zement aus einem Gemisch von Kalk, Wasser, Eiweiss und Opuntienblättern (Nopales) gemacht. In der Sierra Gorda gibt es auch einige Tiere, Jaguar, Puma, Jaguarundi, Weissschwanzhirsche und das lustige Axolotl.
Mision Puerta Mision Axolotl

Der Mirador Quatro Palos erinnert mich ein wenig an das Cruz del Condor in Peru, auch wenn er nicht ganz so touristisch ist. Majestätisch erhebt sich die Sonne aus dem orangenen Saum am Horizont. Die Lichtfarbe ändert sich und das Grün der Berge fängt an zu leuchten. Gleichzeitig spüre ich die Wärme der Sonnenstrahlen.
Waiting Point Sunrise Sunlooker

Spannender als den Aussichtspunkt finde ich die kleine Wanderung zu dem Wasserfall, den wir auf dem Rückweg besuchen. Der liegt am Ende einer engen Schlucht ohne Ausgang. Ausserhalb der Schlucht sind viele Bäume braun und werfen ihre vertrockneten Blätter ab. Je weiter wir in die Schlucht wandern, desto grüner wird sie. Aus der Schlucht kommt uns ein kleiner Bach mit kristallklarem Wasser entgegen. An dessen Ufer schiessen Platanen in die Höhe, um oberhalb der Schlucht Licht zu bekommen. Von den Ästen hängen Lianen herab und in den Astgabeln haben sich Bromelien eingenistet - fast wie im Regenwald. Das Axolotl bleibt mir allerdings verborgen. Stattdessen sehe ich in dem kleinen Bach nur tausende von Kaulquappen in allen Grössen.
Schlucht Platane Cascada

Seit ich nicht mehr von Martha lecker bekocht werde, darf ich mich selbst um das Essen kümmern. Tacos, Tortillas, Gorditas,... gibt es an jeder Ecke. Mehrfach am Tag brauche ich die Maisfladen aber nicht. Auf dem Markt gibt es zur Abwechslung gute Hühnersuppe. Zwischendurch knabbere ich leckere Möhren und Pekanüsse. Testweise habe ich mal Radieschen gekauft - eher ein Reinfall. Die Gurken sind geschält ganz gut. Die Bananen sind natürlich immer lecker. An der Strasse gibt es morgens ab und zu Atole de Cacao. Das scheint ähnlich wie der Champurrado zu sein, also ein nahrhafter Ferkelstarter für den Start in den Tag.
Tacos Cochinita Pibil Tacos al Pastor Huarache de Nopales
Tacos duros Tostadas Enchilada

Viele Portionen sind mir zu gross. Leider gibt es viele Gerichte, die außer Mais kein Gemüse enthalten. Neben den Maisfladen findet der Mais auch als Kolben oder als gekochte Körner seine Gerichte. Ein Elote (Maiskolben) wird in Vollausstattung mit Butter, Mayo Käse, Sahne, Chilisauce und Salz serviert. Ernährungstechnisch in derselben Liga spielen Esquites, aufgeschnittene Chipstüten. Auf die nahrhaften Chips kommen gekochte Maiskörner, Majo, Sahne, Käse und Chili.

Bislang sind mir wenige schlanke Mexikanerinnen begegnet. Ich erinnere mich an die letzte Mexikoreise, bei der ich auf dem Markt viele schlank geschnittene Jeanshosen jedoch kaum potenzielle Käuferinnen sah. Gegenüber den Mexikanerinnen finde ich die Mexikaner eher schlank oder normal gebaut. Insbesondere außerhalb der Städte sind viele Mexikaner in stereotypem Outfit anzutreffen: Sonnengegerbte Haut, schlanker Schnurrbart, heller Strohhut, Hemd, Jeanshose und Ledergürtel mit auffälliger Schnalle, anstatt Revolver mittlerweile ein Lederhalfter fürs Handy am Gürtel und natürlich Cowboystiefel.

Bislang habe ich unterwegs keine weiteren Traveller getroffen. Ein wenig komme ich mir vor wie ein einsamer Dinosaurier. Mein Reisezeitraum März/April fällt zudem in die Trockenzeit. Grüne Landschaft ist sehr selten. Nächste Woche beginnen in Mexiko die Osterferien. Das heißt für mich möglichst Vieles vorausbuchen und eher Ziele in den Städten ansteuern, um nicht von Tourimassen überrannt zu werden.



San Luis Potosí

Der klapprige Bus von Jalpan hält an jeder Milchkanne und braucht anstatt der geplanten 5 Stunden bis San Luis Potosí satte 6 1/2 Stunden. Erst im dritten Versuch klappt es mit dem Uber Taxi zum Hotel. Die Hotelrezeption ist mittlerweile nicht mehr besetzt. Der Besitzer nuschelt am Telefon etwas von Online-Vorauszahlung und Code für die Tür per WhatsApp. Das will ich beides nicht. Schließlich erbarmt er sich meiner, kommt vorbei und macht mir auf. Das Zimmer hat vielleicht die Hälfte der angegebenen 20 m² und im Bad riecht es wie im Abwasserkanal von Mexiko City. Manche Tage sollte man einfach vergessen.

Im Zentrum von San Luis Potosí ist durchsetzt mit vielen begrünten Plätzen, schmucken Kirchen und weiteren historischen Gebäuden. Eine mindestens 1,5 km lange Fussgängerpromenade gesäumt von kleinen Läden zieht sich durch die Innenstadt. Der Silberbergbau hat zur Kolonialzeit San Louis Potosí viel Reichtum eingebracht. Karfreitag zieht traditionell eine grosse Schweigeprozession durch die Strassen. Einige der Teilnehmer tragen dabei eine Kutte mit spitzer Mütze. So unbrauchbar der Lonely Planet für mich zum Reisen geworden ist, die Beschreibungen sind weiterhin sehr unterhaltsam, so dass ich ihn hier zitieren möchte: "The uniforms will certainly be shocking for those familiar with US history due to a certain white-robed group, but the uniforms are, in fact, traditional Catholic mourner's attire that was appropriated by the racist gang."
Strip Plaza No CCC

Spannend finde ich das Centro de Arte, ein riesiger Komplex, der bis Ende letzten Jahrhunderts noch ein Gefängnis war. Der Komplex ist sternförmig angelegt mit hohen Doppelmauern und Wachtürmen. Viele der kleinen Zellen haben heute immer noch Gitterstäbe vor den kleinen Fenstern und werden als Ausstellungsräume oder als Werkstätten genutzt. In einem Trakt des Komplexes ist das Museum der Surrealistin Leonora Carrington untergebracht. Es ist schon ein komisches Gefühl, von Zelle zu Zelle zu gehen, um die Skulpturen und Zeichnungen der Künstlerin zu bewundern.
Centro de Arte Muro Carcel Leonora Carrington
Gang Pollo Bassistin Plattkopf



Stoppover in CDMX
(Mexico City)

Die meisten Fernbusverbindungen gehen sternförmig von Mexiko-Stadt aus. Daher nutze ich auf dem Weg von San Luis Potosí nach Cuetzalan die Riesenstadt für einen kurzen Stoppover. Die Megastadt mit ca. 22 Mio. Einwohnern wird in Mexiko häufig abgekürzt mit CDMX (Ciudad de México) oder mit DF (Distrito Federal). Ich bin kein Fan von lateinamerikanischen Grossstädten und versuche den Aufenthalt auf ein Minimum zu beschränken.

Mit der Metro fahre ich für unschlagbare 0,25 EUR ins Zentrum. Die Gehsteige sind voll mit Händlern und Fressständen. Zwischendrin begegnen mir Obdachlose, die zerzaust mit ein paar Plastiktüten oder ein paar zerfetzten Kartons scheinbar ziellos umherirren. Um nicht auch ziellos umherzuirren, buche ich eine Walking Tour. Offensichtlich bin ich der einzige Teilnehmer, so dass ich mich über eine Privatführung mit Ramira, einer jungen Mexikanerin, freuen kann. Während der spannenden zweistündigen Führung lerne ich von ihr sehr viel über die Geschichte der Stadt, die vor der Ankunft der Spanier eine Insel auf einem See war. Das funktionierte trotz der vielen Tempel gut, da die Azteken diese aus leichtem Vulkangestein bauten. Die Spanier zerstörten die Tempel, legten den See trocken und bauten die Stadt noch größer und aus schwerem Gestein. Noch immer sinken dadurch viele Gebäude im ehemaligen Seegrund kontinuierlich teilweise bis zu 30 cm jährlich ab. Das geschieht jedoch nicht für alle Gebäude gleichzeitig. Manche Gebäude kippen, andere sacken komplett ab, so dass zum Nachbargebäude eine Stufe entsteht. Besonders auffällig ist das im schmucken Casa de los Azulejos. Das Gebäude wurde im 18. Jahrhundert von einer spanischen Familie gebaut und ist innen und außen mit unzähligen blauen Kacheln verziert. Im Inneren befindet sich ein edles Restaurant. Das Gebäude ist in sich abgesackt. Der gefliesste Boden ist so schräg, so dass man leicht ins Torkeln gerät. Durch die Verwerfung sind selbst die Kacheln nicht mehr eben sondern bauchig. Im Treppenaufgang ist ein lange verborgen gewesenes Wandgemälde des Muralisten Orozco zu bewundern. Er mischte die Farben mit dem Saft der Opunzienblätter an. Das machte Sie besonders haltbar.
Schepp Casa de los Azulejos Fliesen Orozco

Sehenswert ist auch der Anfang letzten Jahrhunderts gebaute Palacio de Correos (Postpalast). Der ist ausnahmsweise nicht abgesackt, zumindest nicht so tief wie das Nachbargebaeude, welches 2,5 m tiefer liegt. Im Erdgeschoss des Palastes sind weiterhin Postschalter. Die Schalter, die zentrale Treppe, die Aufzüge, alles ist im Art déco Stil. Die Metallelemente aus Bronze wurden in Italien gefertigt und per Schiff nach Mexiko transportiert. Viele der monumentalen Gebäude, wie z.B. auch der Palacio de Bellas Artes (mit italienischem Mamor aus Carrara) sind während des Porfiriats entstanden, der Regierungszeit von Porfirio Diaz.
Postpalast Postpalast Treppe Bronze
Calavera Futbol Mano de Dios Diego

Trotz starker Provokation hat die riesige Reiterstatue mit Carlos IV. von Spanien die Unabhängigkeitskämpfe Mexikos schadlos überlebt. Sie zeigt den damaligen spanischen König, der nie Mexiko besuchte und in seiner Hand die Eigentumserklärung für "Neuspanien" hält. Sein Pferd zertritt dabei einen Pfeilköcher, symbolisch für den Sieg über die Azteken.
Templo Madero Carlos

Ramira erzählt mir, dass es in Mexiko-Stadt auch Radwege gibt. Manchmal sind diese auch nutzbar und nicht zugeparkt oder mit Verkaufsständen übersät. Auch beim Strassenstrich wurde ein Radweg angelegt, woraufhin die Prostituierten heftig protestierten. Kommen doch die wenigsten Klienten mit dem Rad.

Combat Zone Mein Hotel habe ich nach der Nähe zum westlichen Busbahnhof TAPO gewählt, ohne zu wissen, dass ich mitten in einer Zona Roja (Combat Zone) gelandet bin. Das erklärt zumindest die vielen Polizeiwagen, die abends alle 300 m mit Blaulicht an der Straße stehen. Ich bin froh, wenn ich hier wieder raus bin.



Cuetzalan del Progreso

Zum nahegelegenen Busterminal TAPO in CDMX gehe ich dann doch lieber nicht zu Fuss, sondern bemühe einmal mehr Uber. Der Fahrer erklärt mir, dass die Straße, in der mein Hotel liegt, nach einem ehemaligen Hochsicherheitsgefängnis (Lecumberri) benannt ist, welches heute das Nationalarchiv beherbergt. Bin ich froh, als ich im Bus Richtung Berge sitze, den Knast, die Zona Roja, den Müll auf der Straße, die vielen herumwuselnden Menschen, die Riesenstadt hinter mir lassen kann. Nach 3 Stunden auf Schnellstrasses fängt die Berglandschaft an. Kurve und Kurve arbeitet sich der Bus durch die Berge. Am Himmel sehe ich erstmalig auf dieser Reise echte Wolken. Es wird immer grüner, keine Agaven, keine Opunzien mehr, stattdessen Bananenstauden und Papayabäume. Kleine friedliche Dörfer säumen die Straße durch die Berge. Als ich nach sechs Stunden in Cuetzalan ankomme, gibt es einen fetten Platzregen. Ich nutze die Zeit in der Busstation und ändere meine nächste Busverbindung, so dass ich auf dem Weg nach Puebla nicht mehr über Mexiko Stadt muss.

Cuetzalan ist eines der Pueblos Magicos (zauberhafte Dörfer). Es liegt im Nebelwald auf ca. 1000 m Höhe und hat eine lebendige Indigena Kultur der Nahua und der Totonaken. Viele Häuser und auch die Dorfstrassen sind aus Bruchstein gebaut. Die meisten der Straßen im Dorf sind sehr steil und nach dem Platzregen sauglitschig. Nur mit Tippelschritten und äußerster Vorsicht schaffe ich es mit meinem Riesenrucksack ohne Umweg über die Unfallchirurgie zu meinem Hotel Taselotzin. In dem von Indigena Frauen geführten Hotel werde ich herzlich mit mehrfachem "Bienvenido" empfangen. Das Hotel liegt am Ortsrand umringt von grünen Pflanzen, fast wie im Regenwald. Ich bekomme ein hübsches Zimmer in einem kleinen Holzhäuschen. Die freundlichen Indigenas, die Pflanzen, die frische Luft, das tolle Zimmer - eine komplett andere Welt als der Moloch von Mexiko Stadt.
Glitschi Taselotzin Calle

In Cuetzalan gibt es noch die Voladores (Flieger). Das sind Artistenfamilien, die in dieser Gegend leben und an einem Seil hängend kopfüber durch die Luft schweben. Das Zeremoniell findet mehrfach täglich auf dem Platz vor der Kirche statt. Die Voladores tanzen zunächst begleitet durch den Klang einer Flöte und einer Minitrommel um den 30 m hohen Pfahl in der Mitte des Platzes. Oben auf dem Pfahl ist ein Holzkarussell eingehängt. Dicke Seile sind oben um den Pfahl gewickelt. Nach dem Tanz steigen 5 der Voladores ohne Sicherung dem Pfahl hoch. Mir wird schon beim Zuschauen schwindlig. Oben angekommen setzen sich 4 Voladores auf das Karussell und binden sich je ein Seilende um den Bauch. Der Fünfte stellt sich mittig auf den Pfahl, spielt Flöte und Trommel und hüpft herum - ohne Sicherung in 30 m Höhe. Dann bekreuzigen sich alle. 4 lassen sich rücklings von dem Karussell fallen und baumeln kopfüber an den Seilen. Der Fünfte setzt sich auf den Pfahl und gibt dem Karussell mit den Füssen Schwung. Mit der Drehung des Karussells wickeln sich die 4 Seile ab und die Voladores schrauben sich durch die Luft in Richtung Boden. Auf halber Höhe lässt sich der Fünfte an einem der 4 Seile bis zur Mitte herunterrutschen - ohne Sicherung.
Volador Voladores krabbeln Voladores sitzen Voladores fliegen Voladores fast unten

Click 4 Minivideo: "Danza encima del Tronco"
Click 4 Minivideo: "Voladores volan"

Cuetzalan liegt im Bundesstaat Puebla, in dessen gleichnamiger Hauptstadt noch bis vor etwas mehr als 20 Jahren VW Käfer geschmiedet wurden. Entsprechend häufiger begegnen mir jetzt auch die rundlichen Koleopter. Die Natur um Cuetzalan ist üppig. In der Nebelwaldgegend ist die Luftfeuchtigkeit hoch und es regnet häufig. Verglichen mit dem Regenwald ist es aber im Durchschnitt kälter, in der kalten Jahreszeit wird es bis 5 °C kalt, in der warmen Jahreszeit bis zu 35 °C warm. Es wachsen viele Früchte wie Bananen, Papayas, Orangen, Guanabanas, Mamey, Maracuja. Kaffee und Kakao werden angebaut, ebenso wie Zimt und Orchideen für die Vanilleschoten. Die Totonaken waren die Ersten, die um die Behandlung der Vanilleschoten wussten, um das typische Aroma zu bekommen. Ich befinde mich sozusagen in der Wiege der Vanille. Um Zimt zu gewinnen, muss der Zimtbaum gefaellt werden. Dann wird die Rinde geernted. Nur die aeussere der Rinde wird getrocknet und enthaelt das Zimtaroma.
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Puebla

Was für ein Gegensatz zu Mexiko-Stadt! Obwohl Puebla auch eine Millionenstadt und nur 120 km von CDMX entfernt ist, ist das Strassenbild im Zentrum komplett anders. Die Strassen sind sauber. Die Luft ist deutlich besser als in CDMX. Es geht ruhig und diszipliniert zu. Die Autos halten bereits an, wenn die Ampel auf Gelb (!) umschaltet. Das Zentrum ist streng nach dem Schachbrettmuster angelegt, so dass sich Blickachsen entlang der Strassen bis zum Horizont bieten. Es gibt von der Autofahrbahn abgetrennte Radwege, die auch nicht vollgeparkt oder von Fussgängern benutzt werden. Die Gehwege sind breit und es gibt eine lange Fussgängerzone mit vielen Bänken. Viele Gebäude sind im Kolonialstil mit kleinen, eisernen Balkonen und Markisen. Puebla ist eine Hochburg der bemalten Kacheln (Talaveras). Entsprechend sind auch viele Gebäude damit verziert. Es gibt viele Läden im Zentrum, Modegeschäfte, Schmuckgeschäfte, Schuhgeschäfte und noch einen legendären Woolworth.

Die riesige Kathedrale direkt neben dem Zocalo hat die höchsen Türme in Mexiko. So ganz ohne Sünde scheinen die Poblanos (Einwohner Pueblas) nicht zu sein - zähle ich in der Kathedrale doch 17 Beichtstühle. Viele davon sind nach dem Open Space Prinzip gestaltet, d.h. nach vorne und nach oben offen. Für 1,60 EUR besichtige ich ein Tunnelsystem. Das spielte in der legendären Schlacht gegen die Franzosen am 5. Mai 1862 (5 de Mayo) eine sehr wichtige Rolle, um den Nachschub für die mexikanischen Truppen sicherzustellen.
Zuckerbäcker Radweg Fussgängerzone
Wulli Kachelhaus Tunnel
Aguila Agula Dama Garage
Pollo en Mole Chalupes Enchillada con Mole

Mit einem Colectivo (Sammelbus a la Toyota Hiace) fahre ich ins 15 km entfernte Cholula. Als ich in dem vollen Colectivo einer Mexikanerin meinen Sitzplatz anbiete, muss ich feststellen, dass die meisten Mexikaner in dem Kleinbus problemlos aufrecht stehen können. Ich kann das jedenfalls nicht. Somit darf ich den Rest der Fahrt hockend absolvieren. In Cholula gibt es die angeblich grösste Pyramide der Welt zu sehen. Naja, es gibt einen Berg zu sehen mit einer Kirche obendrauf. Der Berg besteht tatsächlich aus mehreren übereinander gebauten Pyramiden und war schon bei der Ankunft der Spanier vor knapp 500 Jahren überwachsen. Vereinzelt sind Reste der Pyramiden freigelegt. Die Spanier hatten jedenfalls nichts Besseres zu tun, als oben eine Kirche draufzubauen. Von der Spitze der 65 m hohen Pyramide hat man einen schönen Blick auf die umliegenden, teilweise über 5000 m hohen Vulkan, u.a. auf den Popocatépetl. In Cholula gibt es sogar einen Bahnhof. Die Bahnstrecke von Puebla nach Cholula wurde feierlich gebaut, ging jedoch nie wirklich in Betrieb.
Spraypyramide Pyramide Estacion sin uso

Puebla ist voller Museen. Besonders schön ist das Museum Amparo. Es zeigt nicht nur eindrucksvoll die prähispanische Geschichte und die Geschichte der Neuzeit und die mexikanische Architektur auf, sondern hat auch eine tolle Dachterrasse zum Kaffeetrinken.
Mayas Bankfiguren Dachterrasse

Neben dem Capybara scheint das Axolotl nicht nur ein Modetier zu sein. In der Mythologie der Mexicos (wie die Ureinwohner Mexikos genannt werden) steht das Axolotl für Unsterblichkeit. Der spanische Name Ajolote kommt ursprünglich aus dem Nahuatl, einer der vielen Sprachen, die es in Mexiko noch gibt. Die Übersetzung der Wortteile ergibt "Wassermonster".
Delantal Mariachis Bilete



Rückkehr nach
Guanajuato

Von Puebla aus geht es per Bus noch ein letztes Mal nach Mexiko-Stadt zum Umsteigen für meinen letzten Bus nach Guanajuato. Von dort geht morgen mein Rückflug nach Frankfurt. Es ist schön, noch einmal durch das vertraute Guanajuato zu schlendern.

Es ist Karfreitag. Das Zentrum ist für Autos heute gesperrt. Viele Leute bummeln durch die Straßen, die gesäumt sind mit Fressständen und Ständen mit Kunsthandwerk. Anstatt andächtiger Karfreitagsatmosphäre ist die Stimmung eher ausgelassen. Viele haben frei und flanieren. Aus den Bars klingt Musik auf die Straßen. Callejoneadas (spaßige Rundgänge mit einer lustigen Musikantengruppe) werden angeboten. Ich kaufe noch ein paar Souvenirs und esse noch einmal eine Torta de Cochinita Pibil in den vertrauten Imbiss, der jetzt ein tolles Restaurant im ersten Stock ist. Der Junge Chefkoch erkennt mich wieder und begrüsst mich. Meine Empfehlung: T-tela Cochinita Pibil, Calle Alonso A29.
Karfreitag Callejoneada Streetfood





Highlights und Lowlights sind meine direkten persönlichen Eindrücke und Erlebnisse dieser Reise. Sie sind keine grundsätzliche Bewertung der Menschen oder des Landes.


Highlights

- Guanajuato mit den bunten Häusern und den vielen kleinen Gassen
- Cuetzalan mit den entspannten Menschen und der tollen Natur
- Voladores von Cuetzalan, eindrucksvolle, stolze Artisten
- Spektakuläre Straßen durch die Berge der Sierra Gorda und nach Cuetzalan
- Escuela Mexicana (Spanischschule) mit den tollen Lehrerinnen
- Schlummersitze in den Luxusbussen
- Leckere Tomaten, Möhren, Gurken, Bananen, Avocados, Pekanüsse
- Uber Taxis in den Städten, die eine sichere und bequeme Mobilität ermöglichen


Lowlights

- CDMX (Mexiko-Stadt) mit all seinem Dreck, dem Gewusel, dem Lärm, den Pennern, der schmutzigen Luft
- Verwechseltwerden mit einem Gringo (=Ami) und der damit verbundenen Ignoranz mirgegenüber
- Stets zu dünnes Klopapier
- Tagesdecken auf den Betten
- (Auch wenn das kein Mexikaner hören mag)Teilweise das Essen, für mich zu grosse Portionen, zu fettig, zu wenig Gemüse (ausser Mais natürlich), zu süße Backteilchen, zuviel Abgepacktes wie Chips, zuviel Sauerei für mich beim Essen mit den Händen


Nachwort

Wiederholer? Nel pastel, also eher nicht. Für mich hat sich das Reisen, in der Art, wie ich es gewohnt bin, deutlich gewandelt. Diese war meine 13te Fernreise außerhalb von Europa. Die Informationsbeschaffung, das typische Wann-Wo-Wie-Was ist für mich deutlich anstrengender geworden. Vor Ort Herumfragen endet meist in einem schwierigen Puzzle von vagen Informationsfetzen. Die legendäre Traveler-Bibel Lonely Planet weist mir auch nicht mehr den rechten Weg. Die Suche im Netz ist durchzogen von Werbung und vielen nicht mehr aktuellen Informationen. Die wenigen Traveler, die ich auf dieser Reise getroffen habe, waren zudem eher ablehnend gegenüber einem Informationsaustausch.
Mochila




 

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